Düsseldorf – Für Investorenstars wie Warren Buffett oder Benjamin Graham war es ein entscheidendes Werkzeug bei der Anlageentscheidung: das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Diese Kennzahl, auch bekannt als Price-Earnings-Ratio (PER), gibt Aufschluss darüber, ob eine Aktie potenziell über- oder unterbewertet ist und ist damit ein Eckpfeiler vieler Anlagestrategien.
Das KGV: Bedeutung und Berechnung
Das KGV gehört zu den meistbeachteten Kennzahlen am Aktienmarkt. Grundsätzlich gilt: Je niedriger das KGV, desto preisgünstiger und attraktiver erscheint eine Aktie. Es beantwortet die Frage, in wie vielen Jahren – bei konstanten Unternehmensgewinnen – ein Anleger den Wert zurückerhalten würde, den er für die Aktie bezahlt hat. Anders ausgedrückt, misst das KGV die Anzahl der Jahre, in denen das Unternehmen seinen aktuellen Börsenwert verdienen würde.
Die Berechnung des KGV ist simpel: Der aktuelle Aktienkurs eines Unternehmens wird ins Verhältnis zum erzielten Gewinn pro Aktie gesetzt. Die Formel lautet: KGV = Aktienkurs / Gewinn pro Aktie.
Zukunftsorientierte Gewinnschätzungen versus historische Daten
Bei der Gewinnkomponente kann das KGV sowohl auf vergangenen Gewinnen als auch auf zukünftigen Gewinnschätzungen basieren. Während vergangene Gewinne für historische Vergleiche nützlich sind, ist es für die Börse, die die Zukunft handelt, grundsätzlich sinnvoller, prognostizierte Gewinne für zukünftige Finanzperioden heranzuziehen. Diese Prognosen basieren auf den Einschätzungen von Analysten und sind naturgemäß mit Unsicherheiten behaftet.
Beispiel Tesla: Ein Blick auf extreme Werte
Ein Blick auf die Aktie von Tesla im Jahr 2025 verdeutlicht die Bandbreite möglicher KGVs. Bei einem Jahresgewinn von 3,79 Milliarden US-Dollar und einem Gewinn pro Aktie von 1,08 US-Dollar, bei einem Aktienkurs von 449,72 US-Dollar am 31. Dezember 2025, ergab sich ein KGV von rund 416. Dies bedeutet, dass Anleger mehr als das 416-fache des jährlichen Gewinns für eine Tesla-Aktie zahlten. Solche Werte können schnell den Verdacht einer Überbewertung wecken. Zwar mögen einige Analysten dies für Tesla bestätigen, doch die tatsächliche Rechtfertigung einer solch hohen Bewertung zeigt sich letztlich erst in der Zukunft. Klar ist jedoch: Günstig war die Tesla-Aktie zu diesem Zeitpunkt nicht.
Was ist ein gutes KGV? Kontext ist entscheidend
Eine einzelne Kennzahl, isoliert betrachtet, ist selten aussagekräftig. Dies gilt auch für das KGV. Es sollte stets im Kontext weiterer Unternehmenszahlen, der historischen Entwicklung des Unternehmens und vor allem im Branchenvergleich betrachtet werden. Ein pauschal als „gut“ zu bezeichnender KGV-Wert existiert nicht. Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen weisen naturgemäß unterschiedliche KGVs auf. So erzielen beispielsweise Vertreter der Pharmaindustrie andere KGVs als Unternehmen aus dem Finanztechnologiebereich. In Deutschland zählen Automobilhersteller wie die Mercedes-Benz Group mit oft einstelligen KGVs zu den Spitzenreitern. Selbst ein KGV von 14 kann in Krisenzeiten als teuer empfunden werden, was die Abhängigkeit von der allgemeinen Marktstimmung unterstreicht.
Anlagestrategien auf Basis des KGV
Eine Anlagestrategie ausschließlich auf eine einzige Kennzahl zu stützen, ist zwar zu kurz gegriffen, doch Börsenlegenden wie Warren Buffett verfolgten über Jahrzehnte die Strategie, durch den Kauf unterbewerteter Papiere Gewinne zu erzielen. Aktien mit einem KGV unter 15 waren dabei oft die bevorzugte Wahl. Ergänzend dazu achteten sie auf eine hohe Dividendenrendite, um potenzielle Verluste bei konjunkturellen Abschwüngen zu begrenzen. Allerdings ist zu bedenken, dass Unternehmensgewinne durch legale Finanzierungstricks beeinflusst werden können, was auch das KGV verzerren kann. Daher sind für langfristigen Börsenerfolg fundierte Profitabilitätsanalysen und Unternehmensbewertungen unerlässlich.
KGV im Vergleich zu anderen Kennzahlen
Neben dem KGV gibt es weitere wichtige Kennzahlen zur Aktienbewertung. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV) setzt die Marktkapitalisierung eines Unternehmens ins Verhältnis zu seinem Jahresumsatz und eignet sich besonders für Unternehmen, die noch keine Gewinne erzielen. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) vergleicht den Aktienkurs mit dem ausgewiesenen Eigenkapital pro Aktie. Ein höheres KBV deutet ebenfalls auf eine höhere Bewertung hin. Eine liquiditätsorientierte Kennzahl ist das Kurs-Cashflow-Verhältnis (KCV), dessen Vorteil darin liegt, dass der operative Cashflow eines Unternehmens oft objektiver ist als der ausgewiesene Gewinn.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das KGV eine wertvolle, aber limitierte Kennzahl bleibt, die stets durch weitere Analysen ergänzt werden sollte, um fundierte Anlageentscheidungen treffen zu können.


