Viele amerikanische Rentner, angetrieben von einer verständlichen Angst, ihre Ersparnisse zu überleben, geben ihr Vermögen versehentlich zu wenig aus und opfern möglicherweise einen komfortableren und sinnvolleren Ruhestand. Neue Forschungsergebnisse der Behavioral Insights Group von Morningstar zeigen, dass ein erheblicher Teil der Rentner übermäßig vereinfachte und konservative Ausgabenstrategien anwendet, was dazu führt, dass Portfolios oft wachsen, anstatt zu schrumpfen, selbst über Jahrzehnte hinweg.
Der „Buhmann“ des Ruhestands
Die kindliche Angst vor dem Buhmann, einer lauernden Bedrohung im Dunkeln, findet ihr erwachsenes Pendant in der allgegenwärtigen Angst, im Ruhestand das Geld auszugehen. Diese Sorge ist besonders ausgeprägt für eine Generation, die nun allein dafür verantwortlich ist, ihre Altersvorsorge anzusammeln und ihr jährliches Einkommen zu bestimmen. Die Komplexität dieses finanziellen Puzzles, gepaart mit den schwerwiegenden Folgen einer Fehlkalkulation, führt oft dazu, dass Einzelpersonen zur Vorsicht neigen, selbst wenn dies kontraproduktiv ist.
Morningstars Erkenntnisse zum zu geringen Ausgeben
Die jüngste Forschung von Morningstar beleuchtet die Verbreitung dieses konservativen Ansatzes und stellt fest, dass „die Hälfte der Rentner hochgradig vereinfachte Ansätze zur Bestimmung ihrer Ruhestandsausgaben wählt“. Zu diesen Methoden gehören lediglich die Berechnung der aktuellen Ausgaben, das ausschließliche Ausgeben von Dividenden oder die Orientierung an den erforderlichen Mindestausschüttungen (RMDs). Obwohl scheinbar umsichtig, berücksichtigen diese „Set-it-and-forget-it“-Strategien keine entscheidenden Faktoren wie das Gesamtvermögen, sich entwickelnde Lebensziele oder wirtschaftliche Realitäten wie die Inflation, was zu unflexiblen und übermäßig konservativen Ausgabenmustern führt.
Entgegen weit verbreiteter Ängste zeigen die Daten, dass „Rentner, die mindestens den Medianbetrag an Vermögenswerten besitzen, dazu neigen, im Verhältnis zu dem, was sie sicher ausgeben könnten, zu wenig auszugeben.“ Dieser Trend ist so ausgeprägt, dass „im Laufe des Ruhestands viele Rentner ihr Vermögen eher steigen als sinken sehen.“ Diese Ergebnisse gelten selbst dann, wenn Rentner eine Erbschaft hinterlassen oder eine lange Zeit nach dem Ruhestand erwarten. Christine Benz, Morningstars Direktorin für persönliche Finanzen und Ruhestandsplanung, unterstreicht diesen Punkt: „Selbst die Rentner, die sich an unser ‚Basisszenario‘ halten, das 2025 eine anfängliche Entnahme von 3,9 % und danach inflationsbereinigte Entnahmen vorsah, werden nach 30 Jahren Entnahmen tendenziell erhebliche Restbeträge aufweisen.“ Die Implikation ist klar: Das Risiko für diese Rentner besteht nicht darin, mittellos zu werden, sondern vielmehr darin, „die Früchte ihrer Arbeit nicht vollständig zu genießen.“
Indikatoren für übermäßig vorsichtiges Ausgeben
Für Rentner, die sich fragen, ob sie in diese Kategorie fallen, identifiziert die Morningstar-Forschung mehrere Schlüsselindikatoren für ein zu geringes Ausgeben im Verhältnis zur Kapazität:
- Sich auf einfache, passive Strategien verlassen, wie z.B. nur Dividenden und Zinsen abzuheben, Berechnungen auf dem aktuellen Lebensstil basieren oder nur Ihre RMDs zu entnehmen.
- Feststellen, dass Ihr Altersvorsorgeportfolio Jahr für Jahr kaum sinkt oder sogar wächst.
- Wesentliche oder diskretionäre Ausgaben aufschieben, die vernünftigerweise erschwinglich wären.
Dieses Verhalten ist zwar verständlich, entspringt jedoch einer natürlichen Neigung, das Worst-Case-Szenario abzumildern. Es geht jedoch oft auf Kosten eines reicheren, erfüllteren Ruhestandserlebnisses.
Fokuswechsel: Ziele als Motivation
Um dieser tief verwurzelten Vorsicht entgegenzuwirken, schlägt Morningstar einen grundlegenden Perspektivwechsel vor: die Nutzung persönlicher Ziele als starke Motivation für das Ausgeben. So wie ambitionierte Ziele Einzelpersonen dazu anspornen, während ihrer Arbeitsjahre fleißig zu sparen, können klar definierte Ziele im Ruhestand den Anstoß geben, angesammeltes Vermögen strategisch einzusetzen. „Unsere Forschung legt nahe, dass viele Rentner die Motivation persönlicher Ziele benötigen, um sich mit komplexeren Methoden zur Bestimmung ihres Ruhestandseinkommens auseinanderzusetzen. Während der Arbeitszeit helfen Ziele, zum Sparen zu motivieren. Im Ruhestand können Ihre Ziele helfen, Sie zum Ausgeben zu motivieren“, heißt es in der Studie.
Eine zielorientierte Strategie entwickeln
Die Definition dieser Ruhestandsziele beginnt mit einer Untersuchung der persönlichen Werte. Ein Rahmen wie das PERMA-V-Modell kann Rentnern helfen, zu artikulieren, was ihnen wirklich wichtig ist. Wenn ein Rentner beispielsweise Wert darauf legt, Zeit in der Natur zu verbringen und Freude und Engagement beim Wandern findet, könnte er ein konkretes finanzielles Ziel festlegen: die Top 10 Nationalparks in den nächsten zehn Jahren zu besuchen. Dies verwandelt abstraktes Vermögen in einen konkreten Plan für einen gewünschten Lebensstil und liefert einen zwingenden Grund, sich mit Ausgabenstrategien jenseits der bloßen Erhaltung auseinanderzusetzen.
Einen personalisierten Plan umsetzen
Mit dieser neuen Motivation sollten Rentner dann ihre aktuellen Ausgabenstrategien kritisch bewerten. Stimmen diese vereinfachten Methoden mit ihren neu formulierten Zielen überein? Wenn nicht, ist die Erkundung anspruchsvollerer Richtlinien, wie einer sicheren Entnahmerate, ein logischer nächster Schritt. Während die eigenständige Auseinandersetzung mit komplexeren Strategien einschüchternd wirken kann, bietet die Konsultation eines Finanzberaters einen wertvollen Weg, um zu bestimmen, wie Altersvorsorge am besten genutzt werden kann, während gleichzeitig persönliche Bestrebungen erreicht werden. Danielle Labotka, Ph.D., Verhaltenswissenschaftlerin bei Morningstar, betont die Bedeutung dieses proaktiven Ansatzes.
Der Weg zu einem wirklich erfüllten Ruhestand umfasst mehr als nur das Ansammeln von Vermögen; er erfordert einen durchdachten und bewussten Ansatz, es auszugeben. Die Überwindung der inhärenten Angst vor der Erschöpfung durch die Annahme eines zielorientierten, personalisierten Finanzplans kann das Potenzial für einen Ruhestand freisetzen, der nicht nur sicher, sondern auch reich an Erfahrungen und im Einklang mit tief verwurzelten Werten steht, um sicherzustellen, dass die „Früchte der Arbeit“ tatsächlich voll genossen werden.


