Der bevorstehende Börsengang (IPO) von SpaceX, einem Unternehmen mit einer Bewertung im Billionenbereich, ist nicht nur ein weiteres Marktereignis; er stellt eine grundlegende Herausforderung für die Struktur des Kapitalismus und die Integrität wichtiger Aktienindizes dar. Laut Dave Nadig, Präsident und Forschungsdirektor bei ETF.com, ‚bricht‘ der moderne IPO-Prozess, wie er von Unternehmen wie SpaceX, Anthropic und OpenAI praktiziert wird, ‚Kapitalismus und Indexierung‘. Diese Einschätzung teilte er am 13. Mai 2026 in der Sendung ‚At The Money‘ mit Barry Ritholtz.
Die Entwicklung des IPO: Vom Wachstumskapital zum Liquiditätsereignis
Traditionell gingen Unternehmen an die Börse, um Kapital für Wachstum zu beschaffen, indem sie auf Roadshows und Investorentreffen bedeutende Teile ihrer Aktien platzierten. Dieses Modell ist jedoch weitgehend ein Relikt der Vergangenheit. ‚Es war einmal, dass Unternehmen an die Börse gingen, um Geld zu beschaffen… Das ist nicht mehr der Fall‘, bemerkte Barry Ritholtz. Nadig führt aus, dass der Private-Equity-Bereich heute ‚den größten Teil des Wachstums im Kapitalismus‘ einfängt. Anstatt die Wall Street für die Erstfinanzierung aufzusuchen, wenden sich Unternehmer an Private-Equity-Firmen, wobei sie oft erhebliche Eigenkapitalanteile für frühe Investitionen und spätere Finanzierungsrunden über private Kredite abtreten.
Diese verlängerte private Phase bedeutet, dass Unternehmen zahlreiche private Aktionäre ansammeln, bevor sie überhaupt den öffentlichen Markt erreichen. Der letztendliche IPO, so Nadig, dient weniger der Beschaffung frischen Wachstumskapitals als vielmehr der Bereitstellung von Liquidität für diese ‚Insider und frühen Investoren‘. Diese Verschiebung, so bemerkt er, sei ein konsistentes Muster für ‚jeden IPO in den letzten 15 oder 20 Jahren‘ seit der Finanzkrise. Obwohl dieses System ‚für das Private-Equity-Kapital ziemlich gut funktioniert‘, ‚belohnt es die Öffentlichkeit als öffentlichen Markt nicht mehr so, wie es früher der Fall war.‘
Das Billionen-Dollar-Lotterielos
Das Ausmaß moderner Börsengänge hat dramatisch zugenommen. Nadig erinnert sich, dass in der Dotcom-Ära das durchschnittliche IPO-Unternehmen nach dem Börsengang etwa 120 Millionen Dollar wert war, wobei etwa 30 bis 40 % des Unternehmens in den Umlauf gebracht wurden. Dies ermöglichte einen ‚langwierigen Prozess‘ der öffentlichen Bewertung vor der Indexaufnahme. Heute kämpft der Markt mit ‚Billionen-Dollar-IPOs‘, bei denen die Öffentlichkeit diese Angebote oft als ‚Lotterielose‘ wahrnimmt und auf einen sofortigen ‚Pop‘ im Wert hofft.
Diese Erwartung wird jedoch häufig nicht erfüllt. Nadig weist darauf hin, dass der ‚angebliche Pop, der nicht mehr wirklich stattfindet‘, ein weit verbreitetes Missverständnis ist, wobei viele Unternehmen zunächst ’nach unten handeln‘. Während einige, wie Tesla, nach einem anfänglichen Ausverkauf bekanntlich wieder aufgestiegen und erfolgreich waren, sind die sofortigen Reichtümer, die einst mit IPOs verbunden waren, für den durchschnittlichen öffentlichen Investor zunehmend schwer fassbar.
SpaceX: Ein Konglomerat fordert Normen heraus
SpaceX stellt einen besonders komplexen Fall dar. Nadig betont, dass es in der Diskussion nicht darum geht, ob SpaceX ‚gut oder schlecht‘ ist, sondern um seine ‚einzigartigen‘ strukturellen Merkmale. Es ist bereits vor seinem IPO ein ‚Multi-Business-Konglomerat‘, eine Seltenheit für ein Unternehmen, das an die Börse geht. Innerhalb seiner Struktur umfasst SpaceX vielfältige Unternehmungen wie Twitter/X, Grok und xAI (zunehmend eine Rechenzentrumsgeschichte), Starlink (mit 9 Millionen Abonnenten und der Generierung von ‚echtem Geld‘) sowie ein Quasi-Monopol bei den Startdiensten für die Raumfahrt in den Vereinigten Staaten.
Über seine vielschichtige Natur hinaus ist die IPO-Strategie von SpaceX beispiellos. Das Unternehmen plant, nur 5 % seiner Aktien in den Umlauf zu bringen, wodurch nach dem IPO satte 95 % in Privatbesitz bleiben. Dieser ’sehr, sehr dünne Streubesitz‘ stellt etablierte Normen für die Beteiligung am öffentlichen Markt und die Aufnahme in Indizes direkt in Frage.
Indexregeln brechen: Der Nasdaq-100-Präzedenzfall
Trotz seines minimalen Streubesitzes ist SpaceX für eine ‚beschleunigte Aufnahme‘ in den Nasdaq 100 vorgesehen und wird für eine ähnliche Behandlung durch den S&P 500 in Betracht gezogen. Dieser Schritt, so Nadig, bedeutet, ‚alle möglichen Regeln zu brechen‘. Die Nasdaq, die ihren Index an Produkte wie den Invesco QQQ ETF lizenziert, führte kürzlich eine ‚Konsultation‘ mit ihren Lizenznehmern durch. Daraufhin wurden neue Regeln verabschiedet, um solch große, dünn gestreute Unternehmen aufzunehmen.
Konkret beschleunigen die neuen Nasdaq-Regeln die Aufnahme eines Unternehmens in den Index von zuvor sechs Monaten auf nur 15 Tage für ’sehr große‘ Unternehmen. Noch kontroverser ist, dass die Nasdaq bei Unternehmen mit einem Streubesitz von nur 5 % ‚vorgeben wird, dass Ihr Streubesitz 15 % oder das Dreifache beträgt, einfach aus Gründen‘. Diese künstliche Aufblähung des öffentlichen Streubesitzes für Indexberechnungszwecke wirft erhebliche Fragen hinsichtlich der wahren Repräsentation und Liquidität innerhalb dieser weit verbreiteten Benchmarks auf.
Die Auswirkungen dieser Verschiebungen sind tiefgreifend. Da der private Markt mehr Wachstum einfängt und IPOs hauptsächlich zu Liquiditätsereignissen für frühe Investoren werden, verringert sich der Zugang der Öffentlichkeit zu frühen Investitionsrenditen. Darüber hinaus könnte die Beugung der Indexregeln, um dünn gestreute, massive Unternehmen wie SpaceX aufzunehmen, die Benchmarks verzerren, auf die Millionen von Anlegern für den Portfolioaufbau und die Leistungsverfolgung angewiesen sind. Diese sich entwickelnde Landschaft deutet auf eine Neudefinition dessen hin, was es bedeutet, ein ‚öffentliches Unternehmen‘ zu sein und wie die Marktkapitalisierung tatsächlich die öffentliche Beteiligung und Zugänglichkeit widerspiegelt.


