Die Stimmung am deutschen Aktienmarkt hat sich weiter eingetrübt. Das aktuelle Dax-Sentiment des Handelsblatts offenbart eine besorgniserregende Entwicklung: Kurzfristig orientierte Spekulanten dominieren das Geschehen, während überzeugte Langfrist-Investoren zunehmend in den Hintergrund treten. Diese Verschiebung in der Anlegermentalität könnte, so die Einschätzung von Experten, ein Vorbote für einen schwierigen Börsensommer sein.
Dax-Sentiment im Detail
Nach einer achttägigen Verlustserie konnte der Dax jüngst zwar wieder über die Marke von 24.000 Punkten steigen, doch die zugrunde liegende Anlegerstimmung spiegelt diese Erholung nicht wider. Die wöchentliche Umfrage des Handelsblatts unter mehr als 10.000 privaten Anlegern, deren Ergebnisse von Stephan Heibel, Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX, ausgewertet werden, zeigt einen weiteren Rückgang des Sentiments. Es fiel von minus 0,3 Punkten in der Vorwoche auf nunmehr minus 1,3 Zähler. Extremwerte, die auf eine besonders angespannte Lage hindeuten, beginnen bei minus vier Punkten. Die Einschätzung der zukünftigen Kursentwicklung ist dabei gespalten: Ein Viertel der Befragten verortet den Dax in einem Abwärtstrend und rechnet demnach mit weiter fallenden Kursen. Nur noch elf Prozent beobachten einen Aufwärtstrend, während mit 52 Prozent die größte Gruppe eine Seitwärtsbewegung erwartet.
Die Rolle der Spekulanten
Parallel zur sinkenden Gesamtstimmung steigt auch die Verunsicherung unter den Anlegern wieder spürbar an. Mit minus 2,5 Punkten ist sie so hoch wie zuletzt vor einem Monat. Gemessen wird dies, indem die Teilnehmer angeben, ob sich ihre Erwartungen erfüllt haben; je weniger Erwartungen erfüllt wurden, desto größer die Verunsicherung. Auffällig ist zudem die gestiegene Spekulationsbereitschaft von Privatanlegern. Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart, das anzeigt, ob Anleger am Terminmarkt eher auf einen steigenden oder fallenden Dax setzen, erreichte in der vergangenen Woche bis zu 20 Punkte. Ein höherer Wert deutet dabei auf eine stärkere Neigung zu Wetten auf Kursanstiege hin. Eine ähnliche Tendenz zur „Spekulationsfreude“ zeigt sich auch an der europäischen Terminbörse Eurex, an der institutionelle Investoren handeln. „Auch hier zeigen die Daten eine große Spekulationsfreude der institutionellen Anleger“, konstatiert Heibel.
Geringe Überzeugungskäufe
Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass die jüngste Erholung des Dax vor allem von kurzfristig orientierten Akteuren getragen wird. Der Sentiment-Experte Stephan Heibel beobachtet, dass diese Anleger „schnell auf einen anfahrenden Zug aufspringen“, wie am Donnerstag im Tagesverlauf zu sehen war, als der Dax von seinem Tagestief aus bis zum Schlusskurs um 2,4 Prozent zulegte. Die Kaufbereitschaft hingegen nimmt weiter ab und liegt mit 1,2 Punkten nun so niedrig wie zuletzt Anfang Februar. Auch die Zukunftserwartung, die ermittelt wird, indem die Teilnehmer abstimmen, welche Marktphase sie in drei Monaten erwarten, konnte sich nur marginal von 0,4 auf 0,7 Punkte verbessern. Typischerweise steigt die Zukunftserwartung, wenn die Kurse fallen, da ein niedrigeres Kursniveau einen Kursanstieg in der Zukunft ermöglicht. Doch der aktuelle Anstieg ist Heibel zufolge unzureichend: „Das ist zu niedrig, um Überzeugungskäufe nach sich zu ziehen.“
Der Schatten des Iran-Krieges
Der AnimusX-Geschäftsführer sieht in dieser Gemengelage die Vorboten eines möglicherweise schwierigen Börsensommers. Ein zentraler Dreh- und Angelpunkt für die weitere Entwicklung ist der anhaltende Irankrieg und die daraus resultierenden Lieferengpässe im Energiebereich. Der Iran blockiert im Zuge des Konflikts im Nahen Osten den Großteil der internationalen Schifffahrt in der Straße von Hormus, einem der wichtigsten Transportwege für die weltweite Energieversorgung. Die USA hatten ihrerseits im April damit begonnen, iranische Schiffe an der Weiterfahrt zu hindern, was die Spannungen weiter verschärft. „Bislang gehen viele Anleger von kurzen Verwerfungen in der globalen Ölversorgung aus, doch diese Zuversicht könnte Risse bekommen“, warnt Heibel eindringlich.
Ausblick auf den Börsensommer
Die Konsequenzen eines längerfristig hohen Ölpreises wären gravierend für die Unternehmensbewertungen: „Je länger der Ölpreis auf hohem Niveau notiert, desto wahrscheinlicher wird eine Korrektur der aktuellen Bewertungsniveaus der energieabhängigen Unternehmen an den Aktienmärkten“, erklärt der Sentiment-Experte. Anleger suchen daher zurzeit vor allem nach kurzfristigen Trades, mit denen sie bis zum Sommer noch ein wenig Geld verdienen können. Die dahinterstehende Stimmung interpretiert Heibel so: „Doch dann, so würde ich die Stimmung interpretieren, zieht man sich eher zurück, sofern der Krieg im Iran keine Lösung bringt.“ Dies deutet auf eine abwartende Haltung und eine potenzielle Liquiditätsabzug aus dem Markt hin, sollte sich die geopolitische Lage nicht entspannen.
Markt bleibt meldungsabhängig
Der Aktienmarkt wird in den kommenden Tagen und Wochen stark von aktuellen Meldungen beeinflusst bleiben. Während gute Quartalszahlen einzelner Unternehmen – in dieser Woche legen aus dem Dax unter anderem die Commerzbank, Henkel, Infineon, Daimler Truck, Rheinmetall, Siemens Healthineers, Vonovia und Zalando ihre Zahlen vor – zu ordentlichen Kurssprüngen bei den entsprechenden Unternehmen führen können, bergen geopolitische Entwicklungen jederzeit das Potenzial, den Gesamtmarkt zu bewegen und die kurzfristigen Gewinne wieder zunichtezumachen.
Die aktuelle Gemengelage aus sinkendem Anleger-Sentiment, hoher Spekulationsbereitschaft und der latenten Bedrohung durch geopolitische Konflikte deutet auf eine erhöhte Volatilität und eine vorsichtige Haltung der Anleger hin. Die Dominanz kurzfristiger Engagements gegenüber langfristigen Investitionen könnte den Markt anfälliger für schnelle Richtungswechsel machen und die Erwartung eines ruhigen Sommers an den Börsen trüben, solange die Unsicherheiten, insbesondere im Energiebereich, fortbestehen.


