Die bevorstehende Einführung eines EU-weiten Verbots von Payment for Order Flow (PFOF) hat im deutschen Wertpapierhandel die Befürchtung geschürt, dass der Handel für Anleger teurer werden könnte. Überraschenderweise zeigen aktuelle Analysen jedoch, dass viele Onlinebroker ihre Konditionen stabil halten und sogar weiterhin kostenlose Orderausführungen anbieten. Eine neue Untersuchung der FMH-Finanzberatung im Auftrag des Handelsblatts beleuchtet, welche Anbieter im Jahr 2026 trotz dieser regulatorischen Änderung die attraktivsten Konditionen für Anleger bereithalten.
Hintergrund: PFOF-Verbot und Marktstabilität
Seit Jahren konkurrieren Neobroker und etablierte Onlinebroker mit aggressiven Preisstrategien um die Gunst deutscher Anleger. Ein wesentlicher Pfeiler dieses Wettbewerbs war die Finanzierung kostenloser oder stark vergünstigter Orders über Rückvergütungen, die sie von Handelsplätzen für die Weiterleitung von Kundenaufträgen erhalten – ein Mechanismus, der als Payment for Order Flow (PFOF) bekannt ist. Mit dem Beschluss der Europäischen Union, PFOF zu verbieten, prognostizierten Marktbeobachter eine Verteuerung des Wertpapierhandels für die Anleger. Entgegen dieser Erwartungen bleiben die Gebühren bei vielen Anbietern erstaunlich stabil. Zahlreiche Broker ermöglichen weiterhin den kostenlosen Handel, was den Zeitpunkt für einen umfassenden Vergleich besonders günstig macht.
Methodik der Broker-Analyse
Die FMH-Finanzberatung hat für ihre aktuelle Studie insgesamt 23 Onlinebroker detailliert untersucht. Im Fokus der Bewertung standen primär die Kosten pro Order sowie die jährlichen Depotgebühren. Carlos Lopes da Costa, Datenanalyst bei der FMH-Finanzberatung, erläutert die Gewichtung der Kriterien: „Wir haben die Kosten pro Order dieses Jahr stärker gewichtet, weil die Depotkosten inzwischen bei vielen Onlinebrokern ohnehin kostenlos sind.“ Darüber hinaus flossen die Anzahl der verfügbaren Sparpläne und die Vielfalt der angebotenen Handelsplätze in die Gesamtbewertung ein.
Punktabzüge gab es für zusätzliche Bedingungen, wie beispielsweise Mindestordervolumina oder Gebühren für inaktive Konten. Letztere, so Lopes da Costa, dienen dazu, Kunden zur aktiven Nutzung der Plattform zu animieren, da „inaktive Konten für sie wirtschaftlich unattraktiv sind.“ Ein Beispiel hierfür ist der Anbieter XTB, der trotz solcher Punktabzüge dank kostenfreier Orders den fünften Platz mit der Note „sehr gut“ erreichte. Insgesamt konnten sechs der untersuchten Broker die Bestnote „sehr gut“ erzielen, wobei keiner von ihnen Depotgebühren verlangt. Die entscheidenden Unterschiede liegen somit in den Details der Orderausführung und den angebotenen Zusatzleistungen.
Die Top-Platzierten im Überblick
Trading 212: Attraktive Wahl mit Zins und Innovation
An der Spitze des Rankings positioniert sich Trading 212 als derzeit attraktivste Wahl für Anleger. Der Broker verzichtet vollständig auf Ordergebühren und bietet zudem eine Verzinsung des Guthabens auf dem Verrechnungskonto von drei Prozent, wobei die Einlagen in Geldmarktfonds investiert werden. Besonders hervorzuheben ist das umfangreiche Sparplanangebot mit über 10.000 Aktien und knapp 3.000 ETFs, die sich kostenlos besparen lassen. Ein innovatives Merkmal sind die sogenannten „Pies“, ein Baukastenprinzip, das Anlegern erlaubt, mehrere Werte zu einem virtuellen Portfolio zusammenzustellen und feste Zielquoten zu definieren. Dies vereinfacht die Risikostreuung erheblich und ermöglicht sogar das Teilen oder Nachbauen von Portfolios – ein Social-Media-Element, das in der Brokerlandschaft noch selten ist.
Smartbroker+: Kostenfreiheit ab 500 Euro Orderwert
Knapp dahinter, auf dem zweiten Platz, folgt Smartbroker+. Hier belaufen sich die Kosten pro Order auf 1,00 Euro. Über den Handelsplatz gettex sind Käufe und Verkäufe ab einem Volumen von 500 Euro jedoch kostenfrei. Smartbroker+ überzeugt zudem mit mehr als 7.400 Aktien- und rund 2.500 ETF-Sparplänen. Kunden erhalten auf ihrem Verrechnungskonto eine Verzinsung von 1,75 Prozent.
Traders Place: Günstige Konditionen für Sparpläne
Den dritten Rang belegt Traders Place. Bei diesem Anbieter kosten Orders bis zu einem Volumen von 500 Euro 0,95 Euro; darüber hinaus entfallen die Gebühren über gettex vollständig. Das Angebot umfasst 8.000 Aktien und über 2.100 ETFs, die als kostenlose Sparpläne zur Verfügung stehen. Neukunden profitieren zudem von Guthabenzinsen in Höhe von 1,75 Prozent.
Mehr als nur Gebühren: Worauf Anleger achten sollten
Während die reinen Orderkosten und Depotgebühren zweifellos wichtige Kriterien sind, warnen Experten davor, die Brokerwahl ausschließlich darauf zu reduzieren. Matthias Fischer, Professor für Finanzen und Bank an der TH Nürnberg, betont: „Die Gebühren für den Wertpapierkauf sind ein wichtiges Kriterium, aber sie sind nicht allein entscheidend bei der Brokerwahl.“ Für langfristig orientierte Anleger sind insbesondere die Depotführungsgebühren und die Kosten für Sparpläne von Bedeutung.
Darüber hinaus spielen Faktoren wie die Benutzerfreundlichkeit der App oder der Plattform sowie die Effizienz der Abwicklung eine entscheidende Rolle für die Zufriedenheit der Anleger. Schlechte Usability oder wiederkehrende Probleme können Gründe für einen Anbieterwechsel sein, obwohl ein solcher Wechsel stets mit Aufwand verbunden ist. Fischer rät daher: „Da ein Depotwechsel immer mit Aufwand verbunden ist, lohnt es sich, den Broker bewusst zu wählen.“ Vieltrader sollten neben den Orderkosten auch Spreads und Handelsplatzgebühren genau im Blick behalten. Kurzfristige Lockangebote, wie befristete Zinsaktionen, sind für die meisten Anleger, die eine langfristige Anlagestrategie verfolgen, von geringer Relevanz.
Die aktuelle Analyse zeigt, dass der deutsche Brokermarkt trotz des bevorstehenden PFOF-Verbots weiterhin attraktive Konditionen bietet. Anleger sind gut beraten, nicht nur auf die offensichtlichen Gebühren zu achten, sondern auch die individuellen Bedürfnisse, das Handelsverhalten und die Qualität der Plattform in ihre Entscheidung einzubeziehen, um langfristig den passendsten Partner für ihre Wertpapiergeschäfte zu finden.


