Die Unzufriedenheit unter deutschen Anlegerinnen und Anlegern am heimischen Aktienmarkt nimmt zu. Dies geht aus der jüngsten Handelsblatt-Umfrage zum Dax-Sentiment hervor, die eine spürbare Verschlechterung der Marktstimmung offenbart. Während die US-Börsen, insbesondere angetrieben durch den Technologiesektor und hohe Energiepreise, dem deutschen Markt enteilen, verharren die deutschen Leitindizes in einer Phase der Underperformance, die sich zunehmend auf die Erwartungen der Investoren auswirkt.
Dax hinkt US-Märkten hinterher
Die Diskrepanz zwischen dem deutschen und dem US-amerikanischen Aktienmarkt ist in den vergangenen Wochen deutlich zutage getreten. In der abgelaufenen Woche verzeichnete der deutsche Leitindex Dax einen Verlust von zwei Prozent. Im Gegensatz dazu konnte der marktbreite US-Index S&P 500, Dividenden eingeschlossen, ein Plus von 0,2 Prozent erzielen. Seit Anfang April summiert sich der Rückstand des Dax gegenüber dem S&P 500 auf nahezu acht Prozentpunkte, was die wachsende Kluft verdeutlicht.
Stephan Heibel, Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX, identifiziert für diese Entwicklung strukturelle Ursachen. Er führt aus: „Für den US-Kursanstieg sorgte der Technologiesektor, angeführt von den KI-Unternehmen. Zudem haben die USA einen starken Energiesektor, der von einem hohen Ölpreis profitiert.“ Beide Branchen seien in dieser Form im Dax nicht präsent, was die unterschiedliche Dynamik maßgeblich beeinflusse.
Anlegerstimmung auf Tiefpunkt
Die Konsequenz dieser Entwicklung ist ein merklicher Rückgang der Anlegerstimmung. Aktuell sehen nur noch 14 Prozent der Umfrageteilnehmer den Dax in einem Aufwärtstrend. Dies führte dazu, dass das Dax-Sentiment von zuvor plus 1,0 Punkten auf minus 0,4 Punkte sank. Extremwerte in dieser Skala, die das Handelsblatt jeden Freitagmorgen bis Samstagabend bei über 10.000 Privatanlegern erhebt und von AnimusX-Experte Heibel auswerten lässt, beginnen bei plus und minus vier Zählern.
Parallel zur sich verschlechternden Stimmung steigt auch die Unsicherheit unter den Anlegern. Diese liegt nun bei minus 1,5 Punkten, nach minus 1,0 Punkten in der Vorwoche. Die Unsicherheit wird dabei anhand der Frage gemessen, ob sich die Erwartungen der Teilnehmer in der abgelaufenen Handelswoche erfüllt haben. Eine geringere Erfüllung deutet auf eine höhere Verunsicherung hin.
Wachsender Zukunftspessimismus und sinkende Investitionsbereitschaft
Ein weiteres Indiz für die gedrückte Stimmung ist der zunehmende Zukunftspessimismus. Mit minus 0,5 Punkten hat dieser Wert das Niveau von Ende Januar erreicht. Die Erwartungshaltung für die kommenden drei Monate ist ebenfalls verhalten: Lediglich 22 Prozent der Umfrageteilnehmer gehen davon aus, dass sich der Dax dann in einem Aufwärtstrend befinden wird. Dies ist bemerkenswert, da bei fallenden Kursen im Dax-Sentiment häufig die Zukunftserwartungen steigen, da Anleger die Möglichkeit sehen, günstiger nachzukaufen.
Diese typische Entwicklung bleibt jedoch aktuell aus, was sich direkt auf die Investitionsbereitschaft auswirkt. Diese sank von plus 1,9 auf plus 1,3 Punkte. Stephan Heibel führt dies auf eine Kombination von Faktoren zurück: Zu den steigenden Energiepreisen gesellt sich das Gefühl, in Deutschland nicht an der globalen KI-Rally partizipieren zu können. „Hinzu kommt in Deutschland die Zankerei in der Politik“, so der Sentimentexperte, was eine wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik erschwere.
Heibel fasst die Situation zusammen: „So verharrt die Kauflaune trotz rückläufiger Kurse, also trotz nunmehr günstigerer Preise für die Unternehmen, auf niedrigem Niveau. Für die künftige Entwicklung breitet sich Pessimismus aus.“
Abwartende Haltung und neue Chancen
Die fehlende Überzeugung der Anleger zeigt sich auch am Terminmarkt. Daten der Börse Stuttgart belegen, dass Privatanleger in der vergangenen Woche zunächst massiv auf steigende Kurse setzten, dann auf fallende Kurse wetteten und sich zum Wochenausklang wieder positiv positionierten. Heibel beobachtet daher eine abwartende Haltung: Einerseits sei es noch zu früh, auf eine schnelle wirtschaftliche Erholung zu setzen. Andererseits trauten sich viele Anleger nicht, bei Technologie- und Energieaktien einzusteigen, nachdem diese bereits steil gestiegen sind.
Die Kurse von Tech-Aktien seien mittlerweile so hoch, dass eine Konsolidierung niemanden überraschen dürfte, sollten weitere Kurstreiber nach dem Ende der Quartalssaison ausbleiben. „Es gibt eine ganze Reihe von KI-Aktien, die zu einem Vielfachen ihres Jahresumsatzes gehandelt werden. Vielleicht ist der Zeitpunkt für ein paar Gewinnmitnahmen jetzt gekommen“, so Heibel.
Das dadurch generierte Cash-Polster könnten Anleger nutzen, um bei Kursschwankungen gezielt zuzukaufen. Denn die traditionell schwächeren Börsenmonate von Mai bis September könnten diesmal positiv überraschen, glaubt Heibel: „Wir laufen auf einen Sommer zu, der im Falle einer positiven Entwicklung in der Ukraine und im Iran durchaus gute Aktienmärkte mit sich bringen könnte.“ Gefragt wären dann Aktien abseits des Tech- und Energiesektors, die zuletzt hinter dem breiten Markt zurückgeblieben sind. Die aktuelle Verunsicherung und der Pessimismus könnten somit auch eine Phase der Neuausrichtung und selektiver Chancen für Anleger einleiten, die bereit sind, über die bisherigen Wachstumstreiber hinauszublicken.


