Düsseldorf. Der deutsche Leitindex Dax nähert sich erneut seinem Rekordhoch vom Januar, und die Aussichten für einen baldigen neuen Höchststand verdichten sich. Dies geht aus der jüngsten Handelsblatt-Umfrage zum Dax-Sentiment hervor, die eine überraschend robuste Ausgangslage für den Aktienmarkt offenbart, obwohl die Kaufbereitschaft der Privatanleger derzeit niedrig ist.
Das Handelsblatt-Dax-Sentiment: Einblick in die Anlegerpsychologie
Das Handelsblatt befragt für sein Dax-Sentiment wöchentlich über 10.000 Privatanlegerinnen und -anleger zu ihrer Markteinschätzung. Die Ergebnisse, die jeweils von Freitagmorgen bis Samstagabend erhoben werden, werden von Stephan Heibel, Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX, ausgewertet und durch weitere Indikatoren ergänzt. Es ist wichtig zu beachten, dass die jüngsten geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten, insbesondere die widersprüchlichen Äußerungen von US-Präsident Donald Trump zu einem möglichen Friedensabkommen mit dem Iran, in der aktuellen Auswertung noch nicht vollständig berücksichtigt sind.
Trotz dieser Unsicherheiten zeigte der Dax in der vergangenen Woche eine bemerkenswerte Stärke und legte um fast vier Prozent zu, womit er den US-Aktienmarkt hinter sich ließ. Dies deutet darauf hin, dass Anleger bereits im Vorfeld auf ein baldiges Ende der Spannungen im Iran gesetzt hatten.
Verhaltene Stimmung als positives Signal
Die Anlegerstimmung, gemessen am Sentiment-Wert, ist von minus 0,4 Punkten in der Vorwoche auf 1,3 Punkte gestiegen. Dies ist der höchste Stand seit Mitte April, als die Straße von Hormus kurzzeitig wieder geöffnet wurde. Dennoch bleibt reichlich Raum bis zu den Extremwerten von plus oder minus vier Punkten. Die verhaltene Steigerung der Stimmung könnte darauf zurückzuführen sein, dass frühere Meldungen über bevorstehende Verhandlungserfolge sich nicht bewahrheitet haben, was eine gewisse Restunsicherheit am Markt hinterlässt.
Die Verunsicherung, die misst, inwieweit die Erwartungen der Befragten in der abgelaufenen Woche erfüllt wurden, ist mit minus 0,2 Punkten gering, aber weiterhin vorhanden. Auch die Zukunftserwartung bleibt zurückhaltend: Die Gruppe derer, die einen Abwärtsimpuls erwarten, ist noch minimal größer als jene, die mit einem Aufwärtsimpuls rechnen. „Wir verzeichnen damit in der dritten Woche in Folge ein leichtes Übergewicht der Pessimisten“, kommentiert Heibel. Eine ähnliche Konstellation gab es zuletzt im Januar, kurz bevor die Dax-Rally ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte.
Kontraindikatoren sprechen für steigende Kurse
Passend zur verhaltenen Zukunftserwartung sinkt auch die Investitionsbereitschaft. Mit 1,2 Punkten ist sie so niedrig wie zuletzt Anfang Februar. Gemäß der Sentimenttheorie muss eine solche negative Grundhaltung der Anleger jedoch kein Warnsignal sein, sondern kann im Gegenteil ein konstruktives Signal darstellen. Die Theorie besagt, dass optimistische Anleger bereits investiert sind und pessimistische Anleger ihre Positionen verkauft haben. Ist die Stimmung schlecht, gibt es entsprechend viele Anleger, die von Pessimisten zu Optimisten werden und mit ihren Käufen die Kurse antreiben können.
Auffällige Entwicklungen in der Sentimentumfrage fungieren somit oft als Kontraindikatoren. Stephan Heibel berichtet, dass eine niedrigere Investitionsbereitschaft in der Vergangenheit häufig ein Vorbote für steigende Kurse war.
Bestätigung durch AnimusX-Daten: Cash- und Short-Quoten
Dieses Signal wird durch die Ergebnisse einer separaten Umfrage von AnimusX unter ihren eigenen Kunden untermauert. Diese Umfrage erhebt unter anderem die Cash-Quote (verfügbares Geld für neue Investitionen) und die Short-Quote (Absicherung gegen fallende Kurse). Aktuell ist die Cash-Quote niedrig, während die Short-Quote hoch ist. Heibel interpretiert dies so, dass Anleger einerseits auf eine gute Aktienmarktperformance hoffen und in zukunftsträchtige Aktien, etwa aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz, sowie günstig bewertete Unternehmen investiert sind. Gleichzeitig haben sie sich mit Put-Optionsscheinen, die bei fallenden Kursen im Wert steigen, gegen negative Überraschungen abgesichert.
Für den AnimusX-Experten ist dies eine „überraschend robuste Ausgangslage“. Historisch gesehen waren sowohl eine niedrige Cash-Quote als auch eine hohe Short-Quote Vorboten steigender Kurse. Auf vergleichbar hohe Short-Quoten folgte beispielsweise im Schnitt eine Dax-Rally von zwölf Prozent binnen sechs Monaten.
Drei Indikatoren nähren die Hoffnung
- Niedrige Investitionsbereitschaft der Privatanleger
- Niedrige Cash-Quote bei AnimusX-Kunden
- Hohe Short-Quote bei AnimusX-Kunden
„Damit haben wir gleich drei Sentimentindikatoren, die unsere Hoffnung auf steigende Kurse schüren“, fasst Heibel zusammen. Er mahnt jedoch zur Vorsicht und empfiehlt, sich im aktuellen Umfeld von der Betrachtung der breiten Aktienindizes zu lösen und die Branchen gesondert zu betrachten. „Es gibt einige günstig bewertete Branchen – ausgewählte Einzelhändler, Pharma – und es gibt einige Branchen, die dank der KI-Revolution unabhängig von der konjunkturellen Verfassung gut laufen“, erklärt Heibel. „Aber es gibt auch viele Bereiche, die unter den hohen Zinsen und den hohen Energiepreisen leiden.“ Anleger sollten daher ihre eigenen Einschätzungen mit den Sentimentergebnissen abgleichen, um fundierte Entscheidungen zu treffen.
Die Kombination aus einer verhaltenen Anlegerstimmung, geringer Investitionsbereitschaft und gleichzeitig hohen Absicherungen deutet auf eine Konstellation hin, in der der Markt viel Potenzial für positive Überraschungen bereithält. Während der breite Markt vor neuen Rekorden stehen könnte, bleibt eine selektive Herangehensweise entscheidend, um die Chancen in den resilienten und zukunftsträchtigen Sektoren zu nutzen.


