Nach fast einem Jahrzehnt zäher Verhandlungen haben die Europäische Union und Australien endlich ein umfassendes Freihandelsabkommen abgeschlossen. Das lange Zeit durch innenpolitischen Widerstand, insbesondere von australischen Landwirten, verzögerte Abkommen wurde nun vor dem Hintergrund eskalierender globaler Handelsstreitigkeiten und geopolitischer Neuausrichtungen finalisiert.
Strategische Notwendigkeiten übertrumpfen heimische Interessen
Experten deuten darauf hin, dass die Veränderung der globalen Handelslandschaft, und nicht wesentliche Änderungen am Kleingedruckten des Abkommens, der Katalysator für seine Finalisierung war. Steigende Zölle der Vereinigten Staaten haben sowohl australische Fleisch- als auch europäische Autoexporte getroffen. Gleichzeitig hat Chinas zunehmende Kontrolle über kritische Mineralienlieferungen die EU dazu veranlasst, dringend nach sichereren und diversifizierteren Bezugsquellen zu suchen. Dies hat ein seltenes Zeitfenster für beide Blöcke geschaffen, um ein Abkommen zu sichern, das dringend benötigte Erleichterung und Beruhigung bietet.
Evgeny Postnikov von der University of Melbourne sagte gegenüber DW: „Es steht in diesen Tagen viel mehr auf dem Spiel. Es ist nicht mehr die Zeit, wichtige Abkommen zugunsten einzelner heimischer Interessen zu opfern.“ EU-Handelskommissar Maros Sefcovic betonte in Canberra: „Wir senden ein starkes Signal, dass wir niedrige Zölle – oder in diesem Fall keine Zölle – bevorzugen und dass wir eine regelbasierte Zusammenarbeit wollen.“ Dieses Abkommen ist Teil einer breiteren Strategie Brüssels zur Schmiedung neuer Handelspakte, nach jüngsten Abkommen mit Mercosur und Indien.
Australien: Ein Tor zu den Märkten des asiatisch-pazifischen Raums
Obwohl Australien nur etwa auf Platz 20 der Handelspartner der EU rangiert, nimmt seine strategische Bedeutung rasant zu. Für die EU stellt das Abkommen einen Schritt zur Reduzierung der Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten und zur Stärkung der Beziehungen zu sogenannten „Mittelmächten“ dar, die zunehmend globale Handelsströme beeinflussen. Australiens Mitgliedschaft im Umfassenden und Fortschrittlichen Abkommen für die Transpazifische Partnerschaft (CPTPP), einem Block von 11 asiatisch-pazifischen Volkswirtschaften, der rund 15 % des Welthandels repräsentiert, macht dieses Abkommen besonders wertvoll.
Holger Görg vom Kieler Institut für Weltwirtschaft hob die Bedeutung hervor: „Das ist ein sehr bedeutender Markt. Ein Abkommen mit Australien ist effektiv ein Tor zum CPTPP-Netzwerk und eine viel größere Chance für europäische Unternehmen.“
Kritische Rohstoffe: Ein Hauptgewinn für die EU
Einer der bedeutendsten Vorteile für die EU liegt in Australiens riesigen Vorkommen an kritischen Rohstoffen. Australien verfügt über die drittgrößten Reserven an Seltenen Erden weltweit und ist der weltweit führende Produzent von Lithium, einem wesentlichen Bestandteil für Batterien von Elektrofahrzeugen. Europäische und deutsche Automobilverbände haben bereits ihre Unterstützung für das Handelsabkommen geäußert und damit die Bedeutung der Sicherung dieser Lieferungen unterstrichen.
Das Bestreben der EU, diese Mineralien zu sichern, wird durch Chinas zunehmende Kontrolle über seine Lieferketten verschärft, was Bedenken hinsichtlich möglicher Störungen aufwirft, während Europa seine grüne und digitale Transformation beschleunigt. „Was in den letzten zwei Jahren klar geworden ist, ist, dass wir uns bei kritischen Rohstoffen niemals zu sehr von anderen Partnern abhängig machen sollten“, bemerkte Görg.
Agrarzugang und anhaltende Unzufriedenheit
Für Australien liegt der Hauptvorteil im verbesserten Zugang zu den 450 Millionen Verbrauchern der EU. „Es ist ein beeindruckendes Abkommen für die australische Seite“, kommentierte Postnikov. Das Abkommen wird zur Abschaffung fast aller EU-Zölle auf australische Agrarimporte führen, darunter Wein, Olivenöl und die meisten Milchprodukte.
Auch symbolische Siege sind Teil des Pakets. Die EU wird australischen Erzeugern vorerst weiterhin erlauben, geschützte Bezeichnungen wie Parmesan und Feta zu verwenden. Darüber hinaus wird Australien das einzige Land außerhalb Italiens sein, das seinen Schaumwein als Prosecco bezeichnen darf.
Die Frage der Rinderquoten blieb jedoch umstritten. Im Rahmen des Abkommens werden die australischen Rinderquoten für den EU-Markt über die nächsten zehn Jahre um mehr als das Zehnfache steigen, von 3.389 auf 30.600 Tonnen pro Jahr. Diese Erhöhung bleibt jedoch hinter den ursprünglichen Zielen Australiens zurück, wobei Brüssel bei Forderungen nach noch höheren Mengen standhaft blieb. Der australische Bauernverband äußerte sich „extrem enttäuscht“ über das Ergebnis, was darauf hindeutet, dass die heimischen Agrarinteressen nicht vollständig zufriedengestellt wurden.
Trotz dieser anhaltenden Unzufriedenheit ist das Überleben des Handelsabkommens angesichts des innenpolitischen Widerstands ein starkes Indiz. In einer zunehmend fragmentierten und wettbewerbsintensiven Weltwirtschaft zeigen strategische Handelspartnerschaften ihre Fähigkeit, lokale Widerstände zu überwinden, und signalisieren eine neue Ära im internationalen Handel.

